KVV/Projekt 2007

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  • Erschienen: Chaos 2007
  • Autor: Florian Junge


[X] Das erste Semester Projektarbeit

Ahh, reicht mir doch ein Horn des wundervollen Honigtrunkes und ich werde euch von der Gemeinschaft des Hauptstudiums erzählen, auch studentisches Projekt genannt. Diese Reckinnen und Recken der Bits, die Ritter mit dem Pinguin im Schild, die Paladine des Kugelfisches und die Knappen vom traurigen Fenster ziehen also alljährlich aus, sich selber Scheine und der Welt Wissen zu verschaffen. So wie es die uralten Rollen der Diplomprüfungsordnung erzählen.

Ok, verlassen wir einmal die Gefilde der Heldengesänge und lasst mich ein wenig meine Erfahrungen aus einem Semester Projektarbeit vortragen. Doch bevor ihr euch ins Projekt stürzen könnt, müsst ihr euch zuerst einmal für eins entscheiden, und das ist fast schon der schwierigste Teil.
Ja, es gibt welche, die sehen nach weniger Arbeit aus, bei anderen wird man vielleicht gleich eingespannt (ich werde übrigens hier und auch später keine Namen nennen ;) und bei einigen Beschreibungen mag man das Gefühl haben, die Betreuer wissen selber noch nicht ganz, was sie machen wollen. Aus meiner Erfahrung kann ich Euch aber nur den Tipp geben, nach persönlicher Vorliebe zu gehen und ggf. schnell zu wechseln, wenn euch die Zuteilung nicht gefällt. Denkt dran, ihr werdet das 4 (Diplom) Semester lang machen, und es bringt den anderen und Euch nichts, wenn ihr nur versucht, die Zeit totzuschlagen.

Allen Projekten gemein ist die Selbstverwaltung (ich nenn's mal Orga). Dies kann entweder ein wechselndes Team sein, so dass jeder mal drankommt, oder halt eine feste Gruppe. Zur Orga zu gehören ist wohl wie in der Wirtschaft Chef zu sein, minus die Autorität gegenüber den „Mitarbeitern“. So trägt man gegenüber den Betreuern die Verantwortung, dass es intern möglichst gut läuft, am besten sogar ohne sie. Man muss sie sich gewissermaßen als die Auftraggeber vorstellen. Nun ja, das ist noch der leichtere Teil.
Innerhalb des Projektes wird die Sache schon schwieriger. Da man leider nicht die Lohnschecks unterschreibt oder die Peitsche schwingt, muss man den Leuten anderweitig klarmachen, dass es zu ihrem eigenen Besten ist, sich in das Projekt einzubringen und mitzuarbeiten, bzw. mal den Mund aufzumachen. Persönlich hatte ich das Gefühl, dass manche Personen mit dieser neuen Arbeitsweise nicht zurechtkommen. Denn es ist, wie gesagt, ein Projekt. Da geht es darum, Inhalte zu erarbeiten, zu diskutieren, herumzuspielen, aber auch schon mit Ernst bei der Sache zu sein. Und das alles möglichst selbstständig. In anderen Kursen wird es weiterhin darum gehen, seine Aufgaben zu kriegen und Zeile 1 bis 35 mit Code zu füllen. Im Projekt aber geht es darum, die Aufgabe zu schreiben, sie zu erledigen, zu korrigieren und die Ergebnisse festzuhalten. Deswegen ist es auch wichtig, sich ein Projekt zu suchen, mit dem man was anfangen kann.
Ansonsten sind die Aufgaben der Orga ja zumindest aus dem SWP bekannt: Planen, Organisieren und Refaktorisieren. In wie weit das Ganze mit der Wirklichkeit übereinstimmt, ist natürlich so eine Sache. Dazu gehört auch, die Kleingruppen zu verwalten, denn natürlich wird sich ein Projekt mit so vielen Personen aufspalten. Anders als aber beispielsweise im SWP sind diese zuerst einmal autonom, so dass hier als Orga besonders darauf zu achten ist, dass (sinnvolle) Meilensteine existieren und, wenn sie anstehen, auch präsentiert werden. Ebenso muss das Ganze auch im Einklang mit den anderen Gruppen stehen. Gerne wird von Mitgliedern der Fehler gemacht, die Projektarbeit nach hinten zu schieben und konkrete Aufgaben aus anderen Kursen vorzuziehen (zumindest nach meiner jetzigen Erfahrung aus einem Semester). Rechnerisch liegt die Projektarbeit aber bei ca. 13 Stunden die Woche, so dass die Betreuer den Anspruch haben, dass dementsprechend auch gearbeitet wird. Ansonsten ist es mit den Kleingruppen nicht weit her, das wird halt immer danach ausgemacht, wie der Bedarf besteht und wie die Themen sind.

Kommen wir mal zu den positiveren Bereichen der Projektarbeit. Erst im Hauptstudium lernt man die wahre Bedeutung vom MZH (Mein zweites Zuhause) wirkich kennen. Man hat seinen eigenen Projektraum mit eigenen Rechnern (quasi Rootserver) und kann da viel Zeit verbringen, ob man will oder nicht. Dazu kommen weitere Annehmlichkeiten wie Mikrowelle, Kühlschrank, Spielzeug oder Fernseher. Ja, so lässt es sich arbeiten. Natürlich muss das alles in Schuss gehalten werden, und auch hier spaltet sich das Feld wieder in diejeniegen, die Kaffee trinken und jene, die die Tassen putzen.
Ebenso ist es bei den Rechnern, je nachdem, wie die Leute eingestellt sind, könnt ihr euch schon mal auf die Diskussion „Linux vs. Windows“ (was ist eigentlich mit den BSDs? ;) einstellen. Und wenn freie Software schon aus Arbeitsgründen besser sein mag, es gibt immer welche, die an ihrem Visual Studio hängen und sich nichts anderes vorstellen können. Nichtsdestotrotz habt ihr dann ein paar mehr oder weniger (eher letzteres) brauchbare Rechner, mit denen ihr machen könnt, was ihr wollt. Was meistens darauf hinaus läuft, dass wohl die eine oder andere Form von Wiki, Groupware oder Forum, also irgendwas an Kommunikationsspaß drauf landen wird. Wie schon vorher angedeutet, ihr habt hier tendenziell alle Freiheiten. Es können natürlich auch weitere Anschaffungen gemacht werden, monetäre Grundaustattung ist 5 Euro proTeilnehmer und Semester. Das kriegt man von der Verwaltung; was in den jeweiligen Arbeitsgruppen zusätzlich beschafft werden kann, ist aber natürlich je nachProjekt unterschiedlich.

Obligatorisch ist zudem das Projektwochenende im ersten Semester. Schnappt euch die Betreuer eurer Wahl, Switches, Kabel und Laptop und fahrt ein ganzes Wochenende in eine Jugendherberge in der Umgebung. Am besten nicht in Bremen, da ihr andernfalls damit rechnen könnt, dass sich die Leute abends fix verabschieden.Wenn ihr irgendwo draußen seid, kommt man zumindest noch einmal dazu, was anderes zu machen, als sich nur ums Projekt zu kümmern. Brettspiele, Bier und Bretzel sind hier natürlich hilfreich. Und vielleicht lernt ihr auch, mal wieder ein Wochenende ohne Internet zu leben, eine andere Möglichkeit ist, 8 Euro pro Stunde zu bezahlen (T-Online „Hotspot“ oder halt IP-over-DNS zu nutzen ;). Wozu überhaupt das Ganze? Naja, Inhalte finden, konkretisieren und vielleicht schon ein wenig herumspielen. Erwähnte ich das Biertrinken bereits?

So, nachdem ich ein wenig allgemeiner zusammengefasst habe, erzähle ich mal, wie so mein Eindruck rein subjektiv war. Ja, natürlich vermisst man den Zimmerservice und die Drogen sind auch nicht mehr so wie früher, aber ohne Nasenscheidewand ist das eh nicht mehr das Wahre ... Ähem, wo war ich gerade?
Das Beste an der Projektarbeit ist, dass man ein Thema hat, das interessiert und man sich auch eingehender damit beschäftigen kann. Auch wenn Programmieren, Beweisen noch so interessant ist, im Projekt kann man quasi direkt im Schweinetrog der Forschung wühlen, die Schnauze voll in die Grütze hauen, wild grunzen und sich seines Ringelschwanzes erfreuen. Ähem, also man kommt weg von den zusammenhanglosen Aufgaben oder dem SWP mit dem vielleicht nicht so eingängigen Thema und macht was, das sinnvoll ist und Spaß macht (oder entweder oder, oder beides zusammen und noch was, oder oder ...). Dazu kommen die anderen Mitglieder, man lernt mal wieder neue Leute kennen und zudem welche, die sich zumindest annähernd für das Gleiche interessieren. Ja, nicht alle sind gleich motiviert oder man kommt mit ihnen klar, aber dadurch, dass man intern Gruppen bildet, kann sich dies wieder ausgleichen und man gerät so auch nicht ständig einander.
Ein wirklich großer Vorteil des Projekts ist zudem der Projektraum. Ja, es ist auch knorke, eigene Rechner bzw. Server zu haben, aber so einen Raum in der Uni zu haben, der quasi der eigene ist, das macht schon was her. Dazu kommt halt die Kaffeemaschine, der Kühlschrank etc. (ich gehe mal davon aus, dass das alles wohl im Laufe des Projekts auch exzessiv gebraucht wird). Man weiß endlich mal, wo man sich sinnvoll treffen kann, ohne die Cafete bzw. sonstige dunkle Ecken nutzen zu müssen.

Bevor ich in allgemeines Hochgejubele verfalle, es gibt natürlich auch Seiten, die nicht so doll sind, beispielsweise das manchmal zwiespältige Verhältnis zu den Betreuern. Auf der einen Seite wird erwartet, dass man selbstständig arbeitet und plant, andererseits bestehen natürlich Erwartungen, die sie erfüllt sehen wollen, aber die nicht konkretisiert werden. So findet man sich mitunter in einer diffusen Position wieder, aber nichts, was sich meiner Meinung nach nicht durch Kommunikation regeln lässt.
Was auch so einer der wichtigsten Punkte im Projekt ist:
Kommunikation. Ähnlich ist es mit den anderen Gruppenmitgliedern. Auch wenn man manchmal hart/zielorientiert durchgreifen muss, versucht, mit den Leuten zu reden und ihnen klarzumachen, dass es in erster Linie ein studentisches Projekt ist. Es also darum geht, dass die Studenten was daraus machen. Und mit dieser kurzen Aussage möchte ich an dieser Stelle auch enden.

FLORIAN JUNGE

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