KVV/Interview Lechner
aus dem StugA-Informatik-Wiki
[X] Ulrike Lechner stellt sich dem Chaos
Ihr Kaffee gilt als der beste im gesamten MZH und die Bewirtung während des Interviews wird ihrem Ruf als Frau mit Geschmack durchaus gerecht. Dies war aber nicht der einzige Grund, warum wir uns gerne mit Ulrike unterhalten wollten. Seit Oktober 2001 ist Ulrike Lechner Professorin für Informatik mit dem Schwerpunkt Digitale Medien in Dienstleistung und Verwaltung. Um Dienstleistung und Verwaltung ging es allerdings weniger, statt dessen haben wir uns über Studiengebühren, den Sinn von formaler Spezifikation und Frisuren unterhalten.
Wie bist du zur Informatik gekommen?
Ulrike Lechner: Ich hatte mich gegen eine ganze Reihe von Fächern entschieden und wusste nicht so genau, was ich eigentlich weiter tun wollte. Mathematik ist mir immer leicht gefallen, aber die reine Mathematik erschien mir als zu abstrakt; ich wusste auch nicht ganz genau, was man damit eigentlich alles machen kann. Dann habe ich mir überlegt, Informatik in Passau hat sehr viel Mathematik und der Informatikkurs in der Schule war auch nicht so tragisch. Deshalb dachte ich, das hat Zukunft, das probiere ich mal.
Und was waren das für Fächer, gegen die du dich entschieden hast?
U: Zum Beispiel Ökotrophologie (Ernährungs- und Haushaltswissenschaften). Das war der Vorschlag, der bei der Beratung im Arbeitsamt aufkam. Die Beraterin lag eigentlich ziemlich richtig, denn meine Mutter ist Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin und ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Facharbeit zur "kritischen Bewertung von Ernährungsweisen" geschrieben. Es fiel schwer, gegen den Vorschlag zu argumentieren - aber im Endeffekt hätte es damals geheißen, dass ich irgendwo an Abendschulen Bauern oder Bäuerinnen unterrichte, und da dachte ich mir, das ist vielleicht nicht das Richtige für mich. Damals waren die Berufsaussichten für Ökotrophologen nicht wirklich gut. Da dachte ich mir: Lieber nicht.
Das klingt, als wären dir die Bedingungen der Arbeit wichtiger gewesen als der Inhalt.
U: Ja und Nein. Als Alternative hätte noch Apothekerin angestanden. Aber ich hatte keine Lust, jeden Tag Medikamente zu verkaufen. Ich wollte einen Beruf, in dem ich viele verschiedene Dinge tun und auch kreativ sein kann. Die Wahl für das Studium der Informatik war zunächst eine Entscheidung gegen Alternativen. Von der Informatik war das Berufsbild am wenigsten klar definiert und erschien mir am abwechslungsreichsten. Meine Stärke ist eher, ruhig zu arbeiten und an Sachen zu knobeln, und da ist Informatik sicher ganz gut. Ich wollte mir vor allem dann ein interessantes Anwendungsgebiet für die Informatik suchen. Das habe ich erst ganz spät, nach der Promotion, gefunden.
Worüber hast du promoviert?
U: Ich habe in Passau studiert und dort auch über objektorientierte Spezifikation verteilter Systeme promoviert. Inhaltlich ging das um formale Spezifikation und ich habe damals auf Konferenzen Bremer wie Hans-Jörg Kreowski oder Bernd Krieg-Brückner getroffen. Und dann war klar, dass das, was ich gemacht habe, mit großer Wahrscheinlichkeit keiner brauchen kann - jedenfalls habe ich das geglaubt. Ich wollte nach der Promotion eigentlich schon an der Universität und in der Forschung bleiben, habe mich aber erstmal nach einer Stelle in der Industrie umgesehen. Ich bin durch Zufall darauf gestoßen, dass an der Universität St. Gallen jemanden gesucht wird, der sich genau mit dieser abgeschnabbelten Termersetzungslogik auskennt. Der Wechsel nach St. Gallen war ein Wechsel von Land und Gebiet. An der Universität St. Gallen gibt es keine Informatik. Es ist eine Universität für Wirtschafts, Rechts- und Sozialwissenschaften mit Wirtschaftsinformatik und insbesondere Medien- und Kommunikationsmanagement. An dem Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement habe ich als Projektleiterin angefangen zu arbeiten und dabei immer eine wissenschaftliche Karriere verfolgt. Zum Schluss hatte ich eine so genannte Förderprofessur, die vom schweizerischen Nationalfonds gefördert wurde. Solche Stellen sind für habilitierte Forscher gedacht und sind zeitlich beschränkt. Zeitliche Befristungen auch für reguläre Professuren sind in der Schweiz ganz normal.
Das klingt jetzt alles nicht so, als hättest du von frühester Jugend den Wunsch gehabt, Professorin in der Wirtschaftsinformatik bzw. für Digitale Medien zu werden?
U: Nein, aber wenn es sich so ergibt, warum nicht?
Du bist von St. Gallen direkt nach Bremen gegangen. Gab es Alternativen und was hat dann für Bremen gesprochen?
U: Die Alternative zur Professur in Bremen wäre gewesen, in St. Gallen zu bleiben. Ich habe mich gar nicht um weitere Alternativen bemüht, ich war auch in St. Gallen sehr glücklich. Was dann eigentlich für Bremen gesprochen hat, war zu einem die Sache, dass es in der Schweiz wahrscheinlich nach Ablauf dieser Stelle keine weitere Stelle gegeben hätte. Wesentlich war, dass die Stelle hier klar definiert war und das Angebot von Bremen so gut war, wie eine erste Professorenstelle in Deutschland nur sein kann. Mich hat in Bremen vor allem auch der Studiengang "Digitale Medien" mit dem innovativen Konzept und der internationalen Ausrichtung gereizt. Außerdem brauche ich für die Forschung auch "richtige" Informatiker und ich bin ja immer noch eine Informatikerin.
Es war also mehr die Attraktivität der Stelle als der Ruf der Uni Bremen?
U: Ja. Vom Ruf der Universität Bremen habe ich erst gehört, als ich Leuten vom Ruf nach Bremen erzählte. Da wurde mir versichert: "Nein, es ist aber nicht so wie Du befürchtest, Bremen ist keine rote Kaderschmiede mehr. Bremen ist jetzt eine ganz normale Uni." Von der Geschichte der Bremer Uni und diesem historisch bedingten Ruf wusste ich bis dahin fast nichts.
Und was gefällt dir hier gut?
U: Mir gefällt die Lehre hier in Bremen sehr gut, vor allem die Gruppenarbeit und die Projekte. Etwas Ähnliches hatten wir in St. Gallen auch, nur mit kürzeren Projekten. Was mir auch gut gefällt, ist die Arbeitsatmosphäre mit den Studierenden, das habe ich so nicht erwartet. Mir gefallen auch die Freiräume in der Lehre und vor allem die offene Diskussionskultur. Andere Fachbereiche für Informatik in Deutschland sind dort lange nicht so gut wie Bremen.
Sind die Anforderungen der anderen Universitäten an die Studierenden härter als hier?
U: Sie sind vor allem anders. Wenn es ein System mit schriftlichen Prüfungen gibt, nach jeder Veranstaltung eine Klausur stattfindet und es ein dezidiertes Vordiplom gibt, dann scheitern die Studierenden sehr häufig, weil sie die Scheine nicht schaffen. Hier geben sie das Studium eher auf, weil sie einsehen, dass es vielleicht nichts für sie ist, es ist weniger ein Rausprüfen oder Durchfallen. Die Anforderungen vom Prüfungssystem wirken so - im Vergleich zu anderen Fachbereichen - geringer. Im Endeffekt arbeiten viele Studierende hier für ihr Studium sehr viel und leisten auch viel. So kommt es ohnehin darauf an, ob man Informatikerinnen und Informatiker haben will, die Aufgaben gut allein lösen können, oder solche, die gut eigenverantwortlich in Gruppen arbeiten können.
Glaubst du, dass die Absolventen aus Bremen anderen damit etwas voraus haben?
U: Ja, weil dieses Arbeiten der Arbeit in der Industrie relativ nahe kommt und Eigenverantwortlichkeit fördert. Dazu kommt der Technologiepark rund um die Uni, in dem viele Studierende arbeiten können und Erfahrung sammeln. Ich persönlich halte es für wichtig, dass man neben dem Studium arbeitet, auch wenn das das Studium schnell mal um ein Semester verlängern kann. In St. Gallen habe ich gesehen, wie viel Praktika oder Auslandsaufenthalte den Studierenden bringen. Das ist hier ähnlich.
Was ich probieren möchte, ist ein studentisches Projekt in Kooperation mit einem industriellen Partner durchzuführen, weil die Erfahrung sagt, dass die Studenten dann auch gleich auf einem anderen Niveau ansetzen, weil sie den Partner beeindrucken wollen.
Gibt es etwas, was du hier verbessern würdest?
U: Nichts gravierendes. Man könnte Statistiken darüber führen, wo die Studierenden so bleiben. Ich habe da so gar kein Gefühl. Das wäre eine Grundlage, um Schwachpunkte in der Gestaltung des Studiums zu entdecken. Verbessern würde ich das Profil der Studiengänge Informatik und Digitale Medien. Mir war das Profil der Informatik und auch der Digitalen Medien nicht klar und ich denke, es geht vielen Studierenden ähnlich. Man könnte die Schwerpunkte, für die Bremen so steht, entwickeln und besser kommunizieren. Das wären Anwendungsbezug allgemein und Forschungsschwerpunkte wie sichere Systeme, kognitive Systeme, mobile Technologien oder der Schwerpunkt Logistik.
Nicht Informatik und Gesellschaft?
U: Nein. Das ist ein interessanter Punkt. Das Erste, was ich von Bremen während meines Studiums von Bremen wahrgenommen habe, war Informatik und Gesellschaft. Die Assistenten in Passau waren der Meinung: "Die Bremer haben das, wir brauchen das auch!" Es wurde dann ein Seminar eingerichtet - allerdings war der Schein nicht Pflicht für das Studium. Informatik und Gesellschaft hat aber meiner Meinung nach über Bremen hinaus und auch in Bremen nicht mehr die Prominenz und Sichtbarkeit von damals.
Was machst du selbst denn gerade?
U: In der Forschung sind es drei Gebiete, die meine Forschungsgruppe bearbeitet. Das ist der Bereich virtuelle Gemeinschaften, der Bereich P2P-Netzwerke, wobei die beiden nicht völlig disjunkt sind und dann die Entwicklung von Geschäftsmodellen im speziellen Anwendungsbereich Wireless LAN. Was ich gerne wieder machen möchte ist Semantic Web.
Wie sieht deine Arbeitsgruppe momentan aus?
U: Mitglieder der Arbeitsgruppe sind zwei Doktoranden (Magnus Kolweyh und Achim Dannecker) und zwei Ehemalige, die ihre Arbeit gerade fertig stellen, hier aber nicht mehr beschäftigt sind. Dazu habe ich einen Tutor, zwei studentische Mitarbeiter, Irmgard Laumann betreut die Technologie der Arbeitsgruppe und Meike Langer ist im Sekretariat. Damit sind wir voll besetzt.
Fühlst du dich inzwischen in Bremen zu Hause?
U: Ich bin hier zu Hause, aber ich fühle mich nicht zu Hause. Der Kulturwechsel war heftig - anderes Land, andere Fachkultur, andere Umgangsformen, anderer Ton ... das ist schon schwierig. Man hat mir aber gesagt, man braucht sechs bis acht Jahre, wenn man von Bayern nach Bremen zieht, um sich in Bremen zu akklimatisieren - aber dann will man Bremen nicht mehr missen. Da habe ich ja noch ein bisschen Zeit.
Was sind denn die gravierendsten Unterschiede?
U: Es ist eine andere Diskussionskultur. In der Schweiz oder in Süddeutschland ist der Umgang freundlicher, man trinkt vor einer Sitzung zusammen Kaffee und stimmt sich ab. In Bremen kommen die Fakten in der Sitzung auf den Tisch. Oder auch, die einen trinken Tee, die anderen Kaffee, das sind so Kleinigkeiten. Auch von der Kleidung her gibt es Unterschiede, von den Frisuren, ob man Makeup tragen darf ...
Darf man in Bremen kein Makeup tragen?
U: In der Schweiz gehört es dazu, ein bisschen Makeup zu tragen, in Bremen fällt man auf, wenn man sich "aufbrezelt". Hier trägt man auch "keine Farbe im Haar". In der Schweiz ist das viel gängiger und gerade der Kanton St. Gallen ist dafür bekannt, dass die Frauen sehr gepflegt sind. Ich bin dann schon wegen meiner roten - eigentlich kupferfarbenen - Strähne, die ich anfangs noch hatte, von den Kollegen angesprochen worden.
Kein Scherz?
U: Die Kollegen nahmen es dann erleichtert zur Kenntnis, dass die Farbe langsam verschwand. Ich konnte halt wirklich nicht alle paar Wochen zum Frisör in die Schweiz fahren ;-)
Gibt es in Bremen keine guten Frisöre?
U: Doch, aber sie machen einem nicht eine "richtige" Frisur. Ein natürlicher Look gilt hier als Feature. In der Schweiz gilt es als Feature, dass es nach Frisur und Frisör aussieht.
Wie stellst du dir die ideale Hochschule vor?
U: Ich denke die ideale Hochschule für einen Studenten ist eine andere als die für Doktoranden oder für Professoren. Als Professor, ganz klar, da gibt es nur eine Antwort (lachend): Geld ohne Ende, Studenten im beschränkten Maß, und wenn, dann nur ganz individuell ausgesuchte und exzellente. Und das Ganze bitte in einer netten Villa in einem hübschen Park mit guter Anbindung zum Flughafen. Von der Studentenseite sieht das unter Umständen wieder ganz anders aus. Für die wäre auch Geld ohne Ende wichtig, viele Professoren, die dann immer vor Ort sind und gute Industrie nahe bei.
Stichwort Industrie: Siehst du die Universität als Ausbildungsstätte für die Industrie?
U: Eine Universität wie Bremen bildet ganz klar Leute für die Praxis aus. Einige wenige werden in die Wissenschaft gehen. Wichtig ist es, allen wissenschaftliches Denken zu lehren, also kritisch und reflektiert zu arbeiten.
Was hältst du vom Modell der Eliteuni? Und glaubst du, dass man eine Eliteuni machen kann?
U: Ja, man kann sie machen, aber eine Eliteuni, wie die, die hier in der aktuellen Diskussion immer als Maßstab genannt wird, kann man nicht in fünf Jahren und nicht mit fünfzig Millionen machen. Die wirklichen Eliteuniversitäten haben eine deutlich längere Tradition und etwas mehr Geld. Und gute Forschung und gute Lehre kosten einfach, und es braucht vor allem Zeit und gute Konzepte, solche Qualität in Forschung und Lehre aufzubauen.
Sollte man es trotzdem probieren?
U: Ja, um auch den Studierenden hier die Chance auf Topppositionen in Forschung wie Wirtschaft zu geben. Dafür ist ein exzellenter Ruf der Institution (Eliteuni), von der man kommt, enorm hilfreich. Ein häufiger Kritikpunkt an solchen Eliteunis ist, dass die Reichen und Schönen größere Chancen haben, dort angenommen zu werden. In den USA ist es jedoch so, dass die besten Studenten an diese Unis gehen und die Studiengebühren dann erlassen bekommen. Es ist richtig, dass das nur für vergleichsweise wenige Studierenden möglich ist; es ist aber schade, dass es in Deutschland für Studierende solche Chancen gar nicht gibt.
Ist die private international university Bremen (IUB) für dich ein Modell für eine Eliteuni?
U: Ich kenne die IUB nicht und kann mir wirklich kein Urteil erlauben. In Deutschland will man wohl einen anderen Weg gehen. Wenn man sich ansieht, welche Namen für eine Eliteuniversität im Gespräch sind, dann sind es eher alte Universitäten, die bereits einen internationalen Ruf haben. Man muss bei der Diskussion über Eliteuniversitäten aber auch ehrlich sehen, wenn man jetzt deutsche Universitäten mit amerikanischen vergleicht, dann ist die durchschnittliche Universität in Deutschland meilenweit besser als die durchschnittliche amerikanische. Das schliesst Studienbedingungen und Bedingungen für die Forschung mit ein.
In der Diskussion um die Eliteuniversitäten ist in der Regel von naturwissenschaftlicher Forschung die Rede. Dabei besteht die Gefahr, dass Gebiete, die sich schlecht verkaufen lassen, wie Sozial- und Geisteswissenschaften, hinten runter fallen. Aber auch von denen wird verlangt, dass sie Studiengebühren zahlen. Was hältst du in diesem Zusammenhang vom Modell der nachlaufenden Finanzierung wie es der Rektor der Hochschule in Bremen, Elmar Schreiber, kürzlich vorgeschlagen hat?
U: Ich finde das Modell der nachlaufenden Finanzierung recht gut. Ich denke, dass man sich überlegen muss, welche Berufswege bzw. Karrieren gefördert werden sollen. Eine mögliche Lösung wäre, dass man die Rückzahlung ans Einkommen koppelt. Das wäre fair. Man will sicherlich die Schaffung neuer Arbeitsplätze fördern - und das würde bedeuten, dass Selbständige oder Gründer auch wenig bezahlen.
Wie stehst du zu den neu eingeführten Abschlüssen Bachelor und Master?
U: Ich finde die Abschlüsse prinzipiell gut. Allein die internationale Vergleichbarkeit ist ein grosser Vorteil. Meine Befürchtung ist nur, dass die neuen Abschlüsse als Sparmassnahme herhalten müssen. Sicherlich sind noch ganz viele Fragen zur Ausgestaltung der Studiengänge und zu den Implikationen, die dies auf die Hochschullandschaft hat, ungeklärt. Ein Beispiel sind Bachelor-Studiengänge. Wie muss sich ein Bachelorangebot an einer Universität von einem an einer Fachhochschule unterscheiden? Fachhochschulen bilden ja ihre Leute in drei bis vier Jahren berufsfertig aus und machen das teilweise sehr gut. Viele Universitäten müssen sich meiner Meinung nach hier noch etwas vergleichbar Gutes überlegen. Ich denke, man muss sich sehr genau fragen, an welchen Stellen ihres Studiums die Studenten denn ihre Leistungssprünge machen, wenn man sie zum Diplom hin ausbildet. Das ist keine lineare Entwicklung. Es gibt da Punkte, an denen sie schnell deutlich schlauer werden. Das ist meiner Meinung nach häufig dann, wenn Studierende mehr Freiheiten bekommen und auch in kleineren Gruppen individuell betreut werden wie im Seminar oder im Projekt. Da muss man sich überlegen, wieviel man davon in den Bachelor integrieren kann, so dass man ihnen in der relativ kurzen Zeit nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern auch die persönliche Reife und die Handlungskompetenz ein entsprechendes Niveau erreichen.
Ist der Bremer Bachelor ein Schritt in die richtige Richtung?
U: Im Prinzip ja. Eine Profilbildung könnte aber gut tun. Es könnte dann nicht nur einen Bachelor-Abschluss mit ganz vielen individuellen Studienschwerpunkten geben, sondern wenige, klar differenzierte Profile. Damit könnte man auf dem Arbeitsmarkt punkten.
Frieder Nake hat uns gegenüber die Ansicht geäußert, dass eine Universität vor allem Intellektuelle bilden soll. Das bedeutet, dass an der Universität auch für ein langes Studium Platz sein muss.
U: Ich finde Frieders Ansicht richtig. Jeder sollte so lange lernen und auch an der Universität bleiben können, wie es individuell richtig und notwendig ist. Ich bin der Meinung, dass man irgendwann bereit ist, die Uni zu verlassen und etwas Neues zu machen. Wann das jedoch ist, ist von Student zu Student verschieden. Es gibt sicherlich viele Studierende, die einfach auch gerne hier an der Universität sind und die dieses Leben schätzen und den Freiraum auch für die persönliche Entwicklung brauchen und nutzen. Aber es kann heute schon sein, dass man dafür eventuell die Konsequenzen tragen muss - Beispiel Studiengebühren. Ob sich jedoch die Zeiten an der Universität durch Studiengebühren oder kürzere Studiengänge (Bachelor) verkürzen lassen, weiß ich nicht.
Du bist also für Studiengebühren?
U: Ja. Die Wirtschaftslage in Deutschland ist schwierig, die sozialen Kassen sind leer. Das sind recht profane Gründe, die für Studiengebühren sprechen. Das Modell "keine Studiengebühren" stösst an Grenzen. Es hat viel bewirkt, aber hat auch in vielen Punkten nicht das erreicht, was man sich erhofft hat. Ich denke, da muss an ein "Redesign" des ganzen Modells gedacht werden - und nicht nur an einem Parameter - den Gebühren - geschraubt werden.
Auch wenn das dem widerspricht, was du vorhin gesagt hast, wie es sein sollte?
U: Ganz pragmatisch: Ja, leider.
Das heißt doch, dass in Deutschland dann nur Reiche intellektuell werden können, oder?
U: Nein. In Deutschland sind die Fördermöglichkeiten einfach unzureichend. Stipendien sind in Deutschland nicht sehr weit verbreitet. Man sieht bei der Diskussion um Studiengebühren, dass es keinen großen .Masterplan” für Deutschland oder für die Bildungsangebote in Deutschland gibt. Jetzt kommt eine Sparrunde und eine Bezahlrunde und alles wird ein bisschen schlechter. Es wird nicht "anders". Es muss meiner Meinung nach ein stärkerer Strukturwandel erfolgen. Dazu gehören dann unter Umständen Studiengebühren und Fördermöglichkeiten - auf alle Fälle beides. Dazu gehört unter Umständen auch eine stärkere Trennung von Lehre und Forschung und mehr Flexibilität in punkto Karriere in Lehre und Forschung. Ich hätte da gerne mal einen guten, langfristigen Plan.
Ulrike, vielen Dank für dieses Gespräch!
Das Gespräch führten Crimson, pet@ und Raffa

