KVV/Cardiff
aus dem StugA-Informatik-Wiki
[X] Ein Jahr unter Schafen - Erasmus in Cardiff
Erasmus - während des Studiums ins Ausland - davon gehört hat man schon mal, aber nur wenige InformatikerInnen nutzen die Möglichkeiten wirklich. Dabei lohnt es sich - für einige Zeit im Ausland zu leben ist eine super spannende Erfahrung; es hilft einem, seine Sprachkenntnisse zu verbessern; und zu guter Letzt macht es sich auch gut auf dem Lebenslauf, so man denn die wirtschaftliche Verwertung gleich im Blick haben möchte. Nachteil in der Informatik ist nur, dass ein Auslandsaufenthalt eigentlich nicht wirklich ins Studium passt - erst das Grundstudium, dann das Projekt, und der Idee nach soll man danach gleich mit der Diplomarbeit loslegen. Wo passt da also noch ein Auslandsaufenthalt dazwischen? Na ja, man hat zwei Möglichkeiten: Vor dem Projekt (auch eine gute Möglichkeit ein Jahr zu überbrücken, wenn man nach dem Grundstudium kein interessantes Projekt findet und die Projekte im folgenden Jahr abwarten will) oder nach dem Projekt (was ich gemacht habe). In der Regelstudienzeit wird man dann so oder so nicht fertig, aber dafür gewinnt man viele spannende und nützliche Erfahrungen dazu, und das ist es auf jeden Fall wert. Wenn man BAföG bekommt, verlängert sich die Förderung durch den Auslandsaufenthalt auch entsprechend (die genauen Regelungen dazu sind unheimlich kompliziert, da kann man sich z.B. bei der BAföG- & Sozialberatung des AStA beraten lassen).
Um am Erasmus-Programm teilzunehmen, muss der eigene Studiengang eine Partnerschaft mit der anderen europäischen Hochschule haben - leider hat die Informatik recht wenige Partnerschaften. Ist das gewünschte Land nicht dabei, kann man entweder versuchen, sich über eine Partnerschaft eines anderen Studienganges zu bewerben, oder versuchen, sich für den Aufbau einer Partnerschaft einzusetzen. Bei mir war ersteres der Fall, da es keine britischen Partner-Unis gibt, habe ich mich über eine Partnerschaft der Bremer Mathematik mit der Cardiffer Informatik dort beworben, und bin angenommen worden. So bin ich also im September 2006 nach Cardiff aufgebrochen - um dort für zwei Semester zu studieren.
Das Studium dort war schon etwas gewöhnungsbedürftig - sehr verschult, keinerlei Gruppenarbeit, und da ich ohne weiteres nur an Bachelor-Veranstaltungen teilnehmen konnte auch vom Niveau her nicht so überwältigend. Aber als Austausch-Student konnte man sich dort schon etwas freier bewegen, so konnte ich Veranstaltungen aus verschiedenen Jahren kombinieren und auch Veranstaltungen anderer Fachbereiche belegen, während die Briten streng für drei Jahre nach Stundenplan studieren - und sogar sitzen bleiben können. Je nach Uni kann man aber während eines Erasmus-Jahres möglicherweise auch dort einen zweiten Abschluss erhalten, auch wenn das eigentlich nicht vorgesehen ist. Teilweise ist es möglich, einen Bachelor zu machen; in Cardiff hätte ich auf ein MPhil-Programm wechseln können, was so ein Zwischending zwischen Master und PhD (Promotion) ist, leider habe ich davon erst zu spät erfahren.
Aber das Studium selbst ist ja auch nicht alles bei einem Auslandsaufenthalt. Worauf es fast mehr ankommt, ist sich in einer völlig neuen Umgebung mit einer fremden Sprache zurechtzufinden, eine neue Kultur und viele interessante Menschen aus allen Ländern Europas kennenzulernen.
Ich habe in Cardiff einen guten Mittelweg gewählt, einerseits fleißig Scheine gemacht (nach dem Jahr bin ich mit 70 ECTS-Punkten mehr nach Hause gekommen), andererseits aber auch über den Tellerrand geschaut ("Welsh for beginners" in der School of Welsh war super interessant, eine schöne alte und sehr fremdartige Sprache, "Astudiais i Cyfrifiadureg yn y Brifysgol Caerdydd." heißt beispielsweise "Ich habe an der Cardiff University Informatik studiert."); mit dem Rambling Club (ein studentischer Wander-Club) die wunderschöne walisische Landschaft entdeckt (und dabei eine Begeisterung für Schafe entwickelt - denn in Wales kommen auf eineN EinwohnerIn vier Schafe); mich über meine 18-jährigen britischen MitbewohnerInnen im Wohnheim und die britische Party-Kultur allgemein gewundert (bei Temperaturen um 0°C halbnackt durch die Innenstadt zu wanken ist hier DER Hit); mich daran gewöhnt, dass man zu jedem Essen Pommes mit Essig isst (und die Salt & Vinegar Crisps lieben gelernt); viele nette Leute aus den verschiedensten Ländern kennengelernt; und einfach viel Spaß gehabt und viele interessante Erfahrungen gesammelt.
Ich kann euch allen nur empfehlen, die Möglichkeit zu nutzen, während des Studiums ins Ausland zu gehen! Es ist nicht so schwer, und wer weiß ob und wann man nach dem Studium die Gelegenheit noch hat. Wenn man ins Ausland geht, lohnt es sich auch, gleich für ein Jahr zu gehen. Ein Semester ist einfach zu kurz, in Cardiff wären das real knapp 3 Monate + 3 Wochen Klausuren nach den Weihnachtsferien gewesen, dann hat man sich gerade erst eingelebt und schon muss man wieder weg.
Informiert euch einfach beim International Office und/oder dem zuständigen Erasmus-Beauftragen[1] über die Möglichkeiten. Bewerbungsfrist ist Mitte Februar für das kommende Hochschuljahr - man sollte mit der Vorbereitung aber schon etwa ein Jahr vor dem geplanten Auslandsaufenthalt anfangen. (Aber auch wenn man wie ich sich erst im letzten Moment informiert und bewirbt kann man noch Glück haben.)
Mein nächstes Ziel ist übrigens Brasilien, da mache ich über IAESTE ein Praktikum, bevor ich dann Anfang nächsten Jahres meine Diplomarbeit anfangen werde. Auch ein Auslandspraktikum ist eine schöne Möglichkeit, während des Studiums ins Ausland zu gehen. Wenn man sich über IAESTE bewirbt (Frist im November für das kommende Jahr) muss man nur recht wenig selbst organisieren; für Auslandspraktika innerhalb Europas gibt es außerdem auch das Leonardo da Vinci-Programm.
Ich hoffe, das war nun alles nicht zu verwirrend, und ich habe den/die eine oder andereN zum Nachdenken über einen Auslandsaufenhalt angeregt.
Wenn ihr Fragen habt oder Interesse an meinem Erasmus-Erfahrungsbericht aus Cardiff, schreibt mir einfach eine E-Mail: mleykum@tzi.de
Micha
- ↑ Informatik: Jürgen Friedrich

